ahnatal 01

Melat im Glück: Olympia jetzt grosses Ziel

Es war die große Überraschung der letzten Woche. Winfried Aufenanger, Veranstalter des EAM Kassel Marathon und Sportlicher Leiter und Trainer des Laufteam Kassel, verkündete sie im Rahmern des Pressegesprächs zur Vertragsverlängerung mit Titelsponsor EAM: "Ich darf Euch mitteilen, dass Melat Yisak Kejeta heute die deutsche Staatsbürgerschaft erhält." Großer Beifall der Gäste, die sich freuten, dass für die 26-Jährige eine lange Wartezeit ein glückliches Ende fand. Am Morgen erst hatte Winfried Aufenanger die positive Nachricht erhalten. Am Mittag erhielt Melat Yisak Kejeta im Rathaus ihres Wohnortes Baunatal aus der Hand des Standesbeamten Bernd Kellner bereits die offizielle Urkunde.

Die Topathletin des Laufteam Kassel konnte ihr Glück kaum fassen und war bei der Zeremonie im kleinen Kreis sichtlich gerührt. "Ich freue mich sehr, dass ich nun endlich Deutsche bin", sagte die gebürtige Äthioperin vom Stamm der Oromo, die längst neben ihren herausragenden sportlichen Erfolgen gemeinsam mit Jens Nerkamp das "Gesicht" des EAM Kassel Marathon ist und sich mit vielen sympathischen Auftritten auch die Herzen der nordhessischen Laufszene erobert hat.

Der Kreis schließt sich

Für Melat Yisak Kejeta schließt sich nun der Kreis. Als Deutsche wird sie fortan auch wieder "offiziell" in den Bestenlisten geführt. "Ich bin so froh, dass ich nun endlich wieder Meisterschaften laufen darf", so Melat. Man erinnert sich: 2016 wurde sie in Hamburg - damals noch im Trikot des PSV Grün-Weiß Kassel - Deutsche Meisterin über 10 km und machte erstmals so richtig auf sich aufmerksam. Danach gab es beim Deutschen Leichtathletik-Verband die von vielen Seiten kritisierte neue Regel, dass nur deutsche Athleten Deutsche Meister werden können. Melat, im Besitz des bis dahin für Meisterschaften und Titelgewinne relevanten Deutschen Startpass für einen deutschen Verein, verstand die Welt nicht mehr: "Ich will doch nur laufen", erzählte sie damals traurig. Statt weiterer Meistertitel, die ganz bestimmt drin gewesen wären, musste sie auf Straßenläufe ausweichen. Durchaus lukrativ zwar, aber ihr Ziel war klar fixiert: "Ich möchte so gerne Deutsche werden."

Der Lauf durch die Behörden schloss sich an, aber er sollte länger dauern, als sie hoffte. Zumal spätestens nach ihren spektakulären Halbmarathons in Venlo und Berlin im Frühjahr 2018 auch die Verbandsoffiziellen sicher aufmerksamer wurden. Beim Venloop lief sie in 1:08:41 die zweitschnellste Zeit einer Läuferin mit deutschem Startpass seit der legendären Uta Pippig im Jahr 1995 (1:07:58). Damit war sie schneller als etwa Sabina Mockenhaupt, Irina Mikitenko oder Kathrin Dörre-Heinig. In Berlin legte sie nur kurz danach als überragende Siegerin des Halbmarathons in 1:09:04 noch einmal nach. Auch diese Zeit ist die viertschnellste je gelaufene Zeit einer Athletin mit deutschem Startpass. Aufgrund der DLV-Regelung fanden sie leider keine Eingang in die offiziellen Listen.

Dieser Umstand trieb Melat Yisak Kejeta weiter an. Sie bestand souverän den Einbürgerungstest, Trainer Winfried Aufenanger unterstützte sie, wo er konnte. Eigentlich könnte sie die deutsche Staatsbürgerschaft offiziell erst im nächsten Jahr bekommen. Als Topathletin, die für einen nationalen Verband interessant ist, kann dies früher passieren.

Der Deutsche Leichtathletik-Verband sprach schließlich die notwendige Empfehlung aus, das zuständige Ministerium des Innern und für Sport und der Deutsche Olympische Sportbund als letzte Instanzen stimmten dann ebenfalls zu.

Melat Yisak ist mit ihrer Zeit von Venlo die drittschnellste Halbmarathon-Läuferin Europas 2018. Die Zeiten der ehrgeizigen Athletin waren schon lange keine Eintagsfliegen, sie bestätigte ihre Leistungen bei vielen Wettkämpfen.

Olympia 2020 das große Ziel

"Ich möchte für Deutschland bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio im Marathon starten", sagt Melat, das Marathon-Debüt ist für Berlin in diesem Herbst geplant. Dort möchte sie sich qualifizieren. Trainer und Förderer Winfried Aufenanger traut ihr das auf jeden Fall zu. "Für Melat wäre das sicher der absolute Höhepunkt ihrer sportlichen Laufbahn", ist der Coach überzeugt.

Zwar plagen sie seit Wochen Probleme mit Fuß und Knie, aber aufgeben gilt für Melat sowieso nicht. Jetzt, wo sie ihr erstes großes Ziel, Deutsche zu sein, erreicht hat, schon gar nicht.

2013 kam Melat Yisak Kejeta aus ihrer Heimatstadt Achebe in Äthiopien über Umwege nach Deutschland. Ihr Vater hatte dort wie viele andere große Probleme mit der politischen Situation. Melat sollte gegen ihn aussagen, weigerte sich aber. Nach einem Start in Italien kehrte die junge Läuferin nicht zurück. Die Flucht führte sie von Italien über Dortmund in die Hessische Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen. Die Läuferin schloss sich zunächst der LG Eintracht Frankfurt an und kam danach nach Kassel, wo ihr großes Talent erkannt wurde und wo sie im für beispielhafte Integration bekannten PSV ihr Zuhause fand. Schon bald lief sie der nordhessischen Konkurrenz davon, später oft der nationalen. Seit zwei Jahren ist Melat mit Ehemann Rafael verheiratet, hat sich längst hier eingelebt und fühlte sich schon vor dem historischem Tag in der vergangenen Woche als Deutsche.

Die Rückkehr in die alte Heimat

Als frisch eingebürgerte neue Staatbürgerin geht es jetzt für Melat erst einmal für zwei Monate ins Trainingslager nach - Äthiopien. Was bis vor kurzem noch unmöglich war, ist jetzt machbar. Unter dem seit letzten Jahr amtierenden neuen Ministerpräsdenten Abiy Ahmed Ali (den Melat und Rafael im letzten Jahr Frankfurt live erlebten) nimmt Äthiopien einen rasanten demokratischen Wandel. Die Rückkehr in ihr altes Heimatland mit neuem Pass ist für Melat eine Rückkehr zu den Wurzeln. Zwar hofft sie, sportlich viele gute und bekannte Trainingspartner (wie schon letztes Jahr in Kenia) zu treffen, aber vor allem das Wiedersehen mit ihrer großen Familie ist für sie ein großes Fest. "Ich habe meine Familie sieben Jahre nicht gesehen und ich freue mich jetzt riesig auf sie", erzählt Melat, die sieben Geschwister und Halbgeschwister hat, bei ihrer bis Anfang Juni vorerst letzten Trainingseinheit im Kasseler Auestadion.

Und sie strahlt dabei nochmal so wie eine Woche zuvor, als sie ihre Einbürgerungsurkunde erhielt.